3. April 2025

Panaschierstatistik: Weshalb?

Mit der Panaschierstatstik können verschiedene Aspekte untersucht werden:

  • Parteidisziplin: Welche Wählerschaften haben besonders wenige oder besonders viele Stimmen an Kandidierende anderer Parteien abgegeben?
  • Affinitäten: Zwischen welchen Parteiwählerschaften bestehen grosse oder geringe Affinitäten?
  • “Attraktivität” der Kandidierenden: Kandidierende Welcher Parteien hatten einen hohen überparteilichen Appeal?
  • Panaschierköniginnen und -könige: Welche individuellen Kandidatinnen und Kandidaten haben eine besonders grosse überparteiliche Beliebtheit und haben deshalb viele Sympathiestimmen erhalten?
  • Spezifische Präferenzen: Haben spezifische Personengruppen (z.B. Bisherige, Frauen) besonders viele Sympathiestimmen erhalten?
  • Generell: Was waren (sekundäre) Gründe des Wahlerfolgs? Wie wichtig sind welche Wahlkriterien?

Konzeptionelles

  • Unveränderte vs. veränderte Wahlzettel
  • Kandidierendenstimmen: Stimmen, die die einzelnen Kandidierenden von den parteieigenen Wahlzetteln erhalten.
  • Zusatzstimmen: Die nicht mit einem Kandidierendennamen verbundenen Stimmen auf einem Wahlzettel. Zum Beispiel: Leere Linien auf einem (unverändert eingelegten) nicht-vollen Wahlzettel.
  • Sympathiestimmen: Stimmen, die die Kandidierenden von parteifremden Wahlzetteln erhalten. Eine Sympathiestimme bedeutet eine zusätzliche Parteistimme für jene Partei, welcher der/die Kandidierende angehört (erhalten) und gleichzeitig einen Verlust für jene Partei, auf deren Wahlzettel der/die Kandidierende hinzugefügt wurde (abgegeben).
  • Parteistimmen: Die Parteistimmen entsprechen dem Total aus Kandidierenden-, Zusatz- und Sympathiestimmen, die eine Partei erhalten hat. Ausschlaggebend für die Verteilung der Mandate auf die verschiedenen Parteien.

Konzeptionelles: Beispiel

Wahlzettelstatistik

Anzahl gültig eingereichte Wahlzettel seit 2005

Wahlzettelstatistik

Anteil veränderte Wahlzettel seit 2005 (in %)

Stimmenherkunft

Stimmenherkunft

Sympathiestimmen

Stimmen, die die Kandidierenden von parteifremden Wahlzetteln erhalten.

Problem: Die Anzahl gewonnener und abgegebener Sympathiestimmen stehen in einem direkten Zusammenhang zur (Wähler-)Stärke der jeweiligen Parteien.

  • Erhaltene Sympathiestimmen sind Stimmen, die Kandidierende einer Partei von parteifremden Wahlzetteln erhalten.
  • Kandidierende wählerstarker Parteien können folglich weniger Sympathiestimmen erhalten als Kandidierende kleiner Parteien. Ihnen steht ein “kleineres Reservoir” an Sympathiestimmen-Lieferanten zur Verfügung. (Burger 2001: 10)
  • Abgegebene Sympathiestimmen sind Stimmen, die vom Wahlzettel der einen Partei an Kandidierende einer anderen Parteien gehen.
  • Wählerstarke Parteien können grundsätzlich mehr (Sympathie-)Stimmen verlieren als kleine Parteien.

Sympathiestimmen: Beispiel Unterland

Im Unterland wurden insgesamt 5’768 gültige Wahlzettel (WZ) eingelegt.

Sympathiestimmen: Beispiel Unterland

Im Unterland wurden insgesamt 5’768 gültige Wahlzettel (WZ) eingelegt.

  • Ein (einzelner) Kandidat der FL kann bis zu 5’169 Sympathiestimmen von den Wahlzetteln von FBP, VU und DpL erhalten.
  • Eine Kandidatin der VU kann maximal 3’680 Sympathiestimmen von den Wahlzetteln von FBP, DpL und FL erhalten.

Sympathiestimmen: Beispiel Unterland

Den Zusammenhang mit der Stärke der Parteien gibt es auch in umgekehrter Richtung.

  • Die FL kann maximal 599 mal Anzahl Listenplätze (minus 1) an Sympathiestimmen verlieren.
  • Die VU kann bis zu 2’088 mal mal Anzahl Listenplätze ( minus 1) an Sympathiestimmen verlieren.

Sympathiestimmen

Fazit: Die erhaltenen Sympathiestimmen müssen also in Relation zur Anzahl parteifremder Wahlzettel gesetzt werden. Die Anzahl abgegebener Panaschierstimmen müssen demgegenüber im Verhältnis zur Anzahl parteieigener Wahlzettel betrachtet werden.

Indikator 1: Erhaltene Sympathiestimmen pro 100 parteifremder Wahlzettel.

Indikator 2: Abgegebene Sympathiestimmen pro 100 parteieigener Wahlzettel.

Vorsicht (möglicher, zusätzlicher psychologischer Effekt): Anzahl Kandidierende pro Liste wurden nicht berücksichtigt.

Panaschiergewinner Oberland

  • VU gab am wenigsten Sympathiestimmen ab und gewann am meisten Sympathiestimmen dazu. Sie ist die eigentliche Panaschiergewinnerin im Oberland.
  • FL hat am meisten Sympathiestimmen abgegeben und am wenigsten Sympathiestimmen dazugewonnen.

1abgegebene Sympathiestimmen pro 100 parteieigene Wahlzettel

2erhaltene Sympathiestimmen pro 100 parteifremde Wahlzettel

Panaschiergewinner Unterland

  • FBP gab am wenigsten Sympathiestimmen ab und gewann am meisten Sympathiestimmen dazu. Sie ist die eigentliche Panaschiergewinnerin im Unterland.
  • Wie im Oberland hat die FL am meisten Sympathiestimmen abgegeben und am wenigsten Sympathiestimmen dazugewonnen.

1abgegebene Sympathiestimmen pro 100 parteieigene Wahlzettel

2erhaltene Sympathiestimmen pro 100 parteifremde Wahlzettel

Überparteiliche “Attraktivität” der Kandidierenden

Die VU im Oberland und die FBP im Unterland haben am meisten Sympathiestimmen gewonnen. Haben sie also auch das “attraktivste” Kandidatenfeld?

Nicht zwingend. Denn neben der Wählerstärke muss auch die Anzahl der Kandidierenden berücksichtigt werden.

Ein Beispiel: Wie zuvor gezeigt, hat die FBP im Unterland 76 Sympathiestimmen pro 100 parteifremden Wahlzetteln erhalten. Bei der DpL sind es 30 Stimmen. Doch die Sympathiestimmen der FBP wurden von zehn, die Sympathiestimmen der DpL von vier Kandidierenden gewonnen.

Die Attraktivität des Kandidatenfelds berechnet sich folglich als die Anzahl Sympathiestimmen einer Partei je Kandidatur auf 100 parteifremden Wahlzetteln (Burger 2001: 14).

Man beachte aber: Es geht um Attraktivität von Kandidierenden gegenüber parteifremden Wählerinnen und Wählern!

Überparteiliche “Attraktivität” der Kandidierenden

Die Werte geben Auskunft darüber, wie viele Sympathiestimmen die Parteien pro Kandidat:in und unter Berücksichtigung der Anzahl parteifremder Wahlzettel erhalten haben. (Burger 2001: 14)

Parteidisziplin

Die Attraktivität der Kandidierenden gibt Aufschluss darüber, wie viele Stimmen die Kandidierenden einer Partei von den Wählerschaften der anderen Parteien erhalten.

Die Parteidisziplin sagt demgegenüber aus, wie viele Stimmen die Wählerschaft einer Partei an Kandidierende anderer Parteien abgeben.

Dabei ist zu berücksichtigen (Burger 2001):

  • Parteistärke: Wählerstarke Parteien können mehr Sympathiestimmen abgeben als schwache Parteien.
  • Anzahl parteifremde Kandidierende: Bei wenigen Kandidierenden anderer Parteien können auch weniger Stimmen an ebensolche Kandidierende abwandern.

Parteidisziplin

Die Werte sagen aus, wie viele Stimmen die Wählerschaften der verschiedenen Parteien pro parteifremder Kandidatur und unter Berücksichtigung ihrer Parteistärke abgegeben haben. (Burger 2001: 20)

Dies bedeutet, dass höhere Werte auf eine tiefere Parteidisziplin hinweisen.

“Panaschierköniginnen” und “-könige”

Als individuelle “Siegerin” oder “Sieger” einer Wahl gilt gemeinhin diejenige Person, die am meisten Stimmen geholt hat. Bei Proporzwahlen sind dies meist Kandidierende grosser Parteien (Oberland: Manfred Kaufmann (VU); Unterland: Stefan Öhri (VU)).

Die individuellen Panaschiergewinnerinnen und -gewinner sind demgegenüber diejenigen Kandidierenden, die am meisten Sympathiestimmen von den Wahlzetteln der anderen Parteien erhalten haben.

Die Sympathiestimmen, die eine Kandidatur erhalten hat, geben Aufschluss über die überparteiliche Popularität dieser Person. Mit Sympathiestimmen wird also der “überparteiliche Appeal” (Burger 2001: 34) einer Person und nicht ihre Popularität innerhalb der eigenen Partei gemessen.

“Panaschierköniginnen” und “-könige”

Erläuterung: Die Werte entsprechen der Anzahl Sympathiestimmen pro 100 parteifremde Wahlzettel.

Parteiaffinitäten

Die Panaschierstatistik erlaubt Aussagen über die Nähe der Parteien zueinander, denn unter sich nahe stehenden Parteien werden eher Sympathiestimmen ausgetauscht.

Für die Berechnung der Affinitäten zueinander müssen die Parteistärken, die Anzahl Kandidaturen und die Parteidisziplin berücksichtigt werden (Burger 2001: 24):

  • Wählerstärke: Von wählerstarken Parteien können mehr Sympathiestimmen abfliessen.
  • Anz. Kandidierende: Parteien mit vielen Kandidierenden können mehr Sympathiestimmen erhalten.
  • Parteidisziplin: Wie zuvor bei der Parteidisziplin gezeigt, panaschieren die Wählerschaften der verschiedenen Parteien unterschiedlich stark. Die berechneten Werte werden deshalb an den Durchschnittswerten der einzelnen Parteien standardisiert (Durchschnitt = 100%).

Parteiaffinitäten

Oberland Unterland
Wahlzettel FBP VU FL DpL FBP VU FL DpL
FBP -1 +2 -2 +0 -1 +33
VU +4 +20 +29 -20 +18 -20
FL -47 -11 -66 -31 +8 -45
DpL +37 +13 -55 +73 -7 -42

Lesebeispiel FBP Oberland: Die Wählenden der FBP haben an die Kandidierenden der DpL überdurchschnittlich viele Sympathiestimmen abgegeben (+37 Prozent über dem Oberländer FBP-Durchschnitt). Die Kandidierenden der FL wurden um -47 Prozent unterdurchschnittlich panaschiert. (vgl. Burger 2001: 27)

Spezifische Sympathiestimmen

Ob Stimmen an parteifremde Kandidierende abgegeben wurden, hängt nicht nur von ihrer Parteizugehörigkeit ab. Ein möglicher Grund könnte das Geschlecht sein.

Die Wahlchancen für Frauen waren heuer erstmals (leicht) höher als diejenige der männlichen Kandidaten:

→ Haben die Wählerinnen und Wähler der verschiedenen Parteien vermehrt Sympathiestimmen an Frauen abgegeben?

Spezifische Sympathiestimmen

Die Abbildung zeigt eine Auswertung der Sympathiestimmen nach Geschlecht der Kandidierenden. Liegen die Werte unter der 100-Prozent-Linie, wurden Frauen seltener panaschiert als Männer. Liegen die Werte über der Linie, wurden Frauen (von parteifremden Wahlzetteln) öfter panaschiert (siehe Burger 2001: 44).

Lesebeispiel FL Oberland: Von FL-Wahlzetteln erhielten parteifremde Kandidatinnen im Durchschnitt 78 Prozent mehr Stimmen als parteifremde männliche Kandidaten.

Fazit Panaschierstatistikanalyse

  • Hohe Parteidisziplin bei VU Unterland, starker überparteilicher Appeal der VU-Kandidierenden im Oberland. Zudem: Wahlzettelzugewinne.
  • Hoher Anteil unveränderter Wahlzettel bei DpL, starker überparteilicher Appeal, relativ geringe Verluste an Sympathiestimmen; massiver Wahlzettelzuwachs.
  • FBP: Hohe Attraktivität des FBP-Kandidatenfeldes, relativ hohe Parteidisziplin, viele Sympathiestimmen (im Unterland), aber Einbruch bei Anzahl Wahlzettel.
  • FL verlor Sympathiestimmen (an die VU); Parteidisziplin eher gering, Wahlzettelzahl stabil (trotz beträchtlicher Wählerwanderungen im Vgl. zu 2021).
  • Affinität zwischen VU und FL (im Unterland), FBP und DpL.
  • Ersatzlose Streichungen kommen durchaus vor. Bei den Regierungsparteien wurden mehr als 10 Prozent der Kandidatenstimmen gestrichen, ohne durch eine Sympathiestimme (zugunsten einer anderen Partei) ersetzt zu werden.